© NPO Frauennetzwerk

Bei unserer Online-Podiumsdiskussion Anfang Oktober kamen vier Expertinnen zum Thema Gender und Gleichberechtigung zu Wort. Es ergab sich eine aufschlussreiche und inspirierende Diskussion zwischen Helga Eberherr (Gender- und Diversitätsforschung), Katha Häckel-Schinkinger (Leitung Kommunikation & Fundraising und Geschäftsleitungsmitglied Caritas Österreich), Cornelia Amon-Konrath (Bereichsleiterin von Gleichbehandlungsstrategien und Gleichbehandlungsanwältin in der Gleichbehandlungsanwaltschaft) und unserer Moderatorin Barbara Buzanich-Pöltl (Equity Partnerin bei Beratergruppe Neuwaldegg).

Zu Beginn haben wir die Faktenlage in Österreich dargestellt, die teilweise sehr ernüchternd ist. Die NPO-Welt ist eine weibliche, denn 70 -80% der Mitarbeiter*innen im Gemeinwohlsektor sind Frauen*. Spannend wird es aber, wenn man in die Führungspositionen schaut, hier sind die weiblichen Personen eher rar. Hier spielen Faktoren mit, wie beispielsweise, dass die Berufsbezeichnungen sich in manchen Fällen zwischen den Geschlechtern unterscheiden, obwohl es genau dieselbe Aufgabe ist, wodurch der Lebenslauf bei weiblichen Mitarbeiterinnen öfter schlechter bewertet wird. Momentan leisten Frauen für dieselbe Stelle mehr Arbeit als ihre männlichen Kollegen, oder kommen auf ihrer Karriereleiter gar nicht mehr weiter. Die gläserne Decke zu durchbrechen, wird nicht ohne Scherben gehen, das Streben nach Gleichberechtigung ist ein Verteilungskampf, so Helga Eberherr.

Etwa 14% des Gender-Pay-Gaps sind völlig unerklärbar und somit ausschließlich auf sexistische Diskriminierung zurückzuführen.

Frau Amon-Konrath merkte an, dass eines der aktuellen Themen in ihrem Arbeitsfeld der Gelichbehandlungsanwaltschaft die Umsetzung einer EU-Richtlinie für Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für Eltern und pflegende Angehörige sei, hier ist Österreich säumig. Andere Länder, etwa Island, haben hier sehr wirksame Methoden gefunden, um der Gleichberechtigung einen Schritt näher zu kommen, denn es gibt dort u.a. unübertragbare Karenzteile, somit nehmen auch mehr Väter die Karenz in Anspruch.

Ein riesiges Problem, vor allem in der NPO-Welt, ist die Selbstwahrnehmung. Der Gedanke, dass Organisationen im Gemeinwohl-Sektor besonders auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit achten ist ein Irrglaube und führt dazu, dass hier ein blinder Fleck entsteht und das Thema weggeschoben wird, nach dem Motto „Wir tun ja eh alles, somit ist das bei uns kein Thema“. Solange dieses Mantra in einer Organisation aufrecht ist, wird dieser blinde Fleck nicht sichtbar werden.

Reflexionsarbeit ist angesagt, denn wie Katha Häckel-Schinkinger anmerkt: „Je diverser und gleichberechtigter eine Organisation ist desto innovativer und erfolgreicher ist sie auch.“

Es braucht tiefgreifende Prozesse, die hier Abhilfe schaffen, wie unconscious bias trainings, um die blinden Flecken in der Organisation, aber auch bei allen Mitarbeiter*innen zu erforschen und zu benennen. Gleichberechtigung muss auf die Tagesordnung und in jedem Geschäftsprozess jeder Organisation integriert werden, damit es ins alltägliche Denken übergeht und wirksam werden kann. Zu Quick Wins gehört etwa, dass in Meetings immer wieder Unterschiede angesprochen werden. Oft sind es Frauen*, die dazu anregen über Gleichberechtigung nachzudenken, da sie unmittelbar von Diskriminierung am Arbeitsplatz betroffen sind. Daher gilt es, auch wenn es in der Gesellschaft als „lästig“ wahrgenommen wird, weiterhin den Mut zu haben, immer wieder darauf hinweisen, dass es eben noch keine Gleichberechtigung gibt, ermutigt Barbara Buzanich-Pöltl. Es ist ein Marathon, der einen langen Atem braucht, umso wichtiger ist es, dass Unternehmen beginnen sich mit ihren eigenen Strukturen zu beschäftigen.

Barbara Buzanich-Pöltl wirft die spannende Beobachtung ein, dass sich meistens Frauen melden, wenn es darum geht, eine*n Schriftführer*in bei einem Meeting zu ernennen. Sie fragt dann oft nach, gibt es auch einen Mann, der die Aufgabe machen würde – was dann in vielen Fällen verdutzte Blicke auslöst.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass bei auftretenden Diskriminierungen Ressourcen von Nöten sind, die nicht allen Frauen* gleichermaßen verfügbar sind. Beispielweise könnte es für eine alleinerziehende Mutter schwieriger sein, auf das Thema Gleichberechtigung hinzuweisen, weil sie vielleicht Angst hat den Job dadurch zu verlieren. Die meisten Fälle, die Cornelia Amon-Konrath bearbeitet, haben mit sexueller Belästigung und Vereinbarkeit zu tun. Dazu gibt sie uns den Tipp, alle Vorfälle zu dokumentieren und zu sichern.

Das Thema Elternschaft ist ein großes bei der Diskussion um Vereinbarkeit. Selbst eine sehr progressive Partnerschaft kann beim ersten Kind in die klassischen Elternrollen abrutschen, das ist auch häufig der Fall. Katha Häckel-Schinkinger meint, Vereinbarkeit ist aktuell faktisch nicht möglich, ohne einen hohen Preis zu bezahlen oder Abstriche zu machen im Privatleben, in der Freizeit oder bei sich selbst, insbesondere wenn Elternschaft dazu kommt. Das Privileg sich eine ordentliche Kinderbetreuung leisten zu können, haben bei weitem nicht alle Frauen*, wodurch eine Chancengleichheit und somit auch die Gleichberechtigung wieder in Schieflage kommen.

Das halbherzige Benennen einer*s Gleichberechtigungsbeauftragten, wie es teilweise praktiziert wird, reicht nicht aus, um etwas zu verändern, Gleichberechtigung muss in die Managementziele mitaufgenommen werden.

Helga Eberherr gibt Hoffnung, dass der immer größer werdende Legitimationszwang von Organisation und Unternehmen der Treiber der Gleichberechtigung ist. Cornelia Amon Konrath fügt noch hinzu, dass der gesetzliche Hebel und die Frauen-Quote momentan das beste Mittel sind. Das ist das Tool, das wirkt, aber letztendlich geht es im nächsten Schritt darum, dass Organisationen Gleichberechtigung in ihre Geschäftsprozesse implementieren.

Ein positives Beispiel bringt Katha Häckel-Schinkinger ein: Bei der Caritas gab es eine Neuauflage der Statuten, die u.a. dazu geführt hat, dass die Caritas nicht nur ein weiblicheres Gesicht, sondern auch eine weibliche Perspektive inne hat. So hat die Caritas Österreich mit Anna Parr eine Generalsekretärin, die Caritas in Österreich mit Kristina Edlinger-Ploder eine Vize-Präsidentin, 3 von 9 Diözesen sind von Frauen geführt und in der Geschäftsleitung der Caritas Österreich sind 3 von 5 Mitgliedern Frauen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass noch sehr viel zu tun ist, und zwar auf allen Ebenen, auf der individuellen Ebene bedarf es der Reflexion und das Stärken von anderen Frauen*. Auf Organisationsebene müssen Prozesse angestoßen werden, die eine neue Organisationskultur etabliert. Auf staatlicher Ebene muss ein guter rechtlicher Rahmen gesetzt werden.  

Vielen Dank an die Frauen am Podium für die großartigen Einblicke in Wissenschaft, Recht und Best Practice!

 

 

Verfasst von Bettina Kliesspiess 

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